NRW, Düsseldorf Mettmann Neuss, Verkehrssicherheit

Die Unfallstatistik und was daraus folgt

Wie alle Jahre wurde jetzt für 2025 die Verkehrsunfallstatistik der Polizei für NRW vorgestellt. Die Zahlen gehen nicht zurück, von der in vielen politischen Programmen beschworenen „Vision Zero“, also einer Zahl von Verkehrstoten und Schwerverletzten nahe Null, sind wir noch weit entfernt. Wie müsste eine wirksame Politik zur Reduzierung der Unfälle aussehen?

Wie alle Jahre wurde jetzt für 2025 die Verkehrsunfallstatistik der Polizei für NRW und auch u.a. speziell für Düsseldorf vorgestellt. Die Zahlen gehen nicht zurück, von der in vielen Wahlprogrammen und Koalitionsverträgen beschworenen „Vision Zero“, also einer Zahl von Verkehrstoten und Schwerverletzten nahe Null, sind wir mit 480 Toten (mehr als 1 pro Tag) und 10.000 Schwerverletzten im Jahr in NRW noch weit entfernt, auch wenn in den vergangenen Jahren durchaus einiges erreicht worden ist.

Innenminister Reul spricht von „menschlichen Fehlern“, die Polizeipräsidentin in Düsseldorf gleichlautend von „menschlichem Fehlverhalten“ als wesentliche Ursache von Unfällen. Die Verantwortung weitgehend auf die einzelnen Verkehrsteilnehmer(innen) zu schieben und zu versuchen, mit Medienkampagnen und Appellen die Unfallzahlen in den Griff zu bekommen, greift zu kurz, es braucht sichere Strukturen im Verkehr. Die Dissertation von Marlene Sattler zur Unfallberichterstattung belegt, dass diese Sichtweise System hat: Kollisionen werden medial meist als isolierte Ereignisse und Zufälle dargestellt. Verantwortung wird individualisiert, während strukturelle Risiken wie Infrastruktur, Regeln oder Prioritäten unsichtbar bleiben. Dadurch fehlt der gesellschaftliche und politische Druck für grundlegende Veränderungen.

Vision Zero muss die Politik nicht nur in Programme schreiben, sondern Gesetzgeber und Behörden müssen das auch konsequent leben. Autos sind gefährliche Geräte bzw. sogar Waffen, wie Nachrichten über katastrophale Unfälle bis hin zu Terrorfahrten zeigen. Ein Kfz mit 2 Tonnen und mehr und Tempo 100 oder auch nur 50 hat einen zerstörerischen Impuls, den man im schallgedämpften Innenraum mit komfortablen Sitzen und Entertainment-Funktionen kaum noch fühlt. Vielleicht müsste ein tempoabhängiges künstliches Fahrgeräusch im Fahrzeuginnern vorgeschrieben werden.

Wie müsste eine wirksame Politik zur Reduzierung der Unfälle aussehen?

Fehlverhalten muss durch Verkehrsregeln reduziert werden und geringe Folgen haben (Fehlertolerantes System), und da ist mit Reaktionszeit und Bremsweg die Geschwindigkeit der entscheidende Faktor. Tempo 100 -120 auf der Autobahn, 70 auf Landstraßen und generell Tempo 30 in den Orten wären für konsequente Vision Zero nötig. Fahrer(innen) können dann besser reagieren, ein Aufprall wird wesentlich gemindert, daneben wird auch das Klima geschützt, Lärm reduziert und Kraftstoff eingespart. Es wäre auch für Autofahrende eine klarere Regelung als häufig wechselnde Tempo-Anordnungen.
Heutzutage muss eine Kommune immer noch nachweisen, dass bestimmte formale Kriterien erfüllt sind, wenn sie vom Standardtempo 50 auf 30 reduzieren will. Eine Perversion aus Sicht der Verkehrssicherheit und ein Misstrauen gegen die Kommunen. Umgekehrt müsste es sein: Das stadtverträgliche Tempo 30 ist die Regel (was de facto in Städten schon meist der Fall ist), höhere Geschwindigkeiten sind auf Hauptstraßen möglich, es ist aber nachzuweisen, dass das in Sachen Sicherheit unbedenklich ist.

Baulich muss die Gestaltung der Straßen zum Tempo passen, in den Orten sind geschwindigkeitsdämpfende Elemente einzubauen (keine Schwellen, aber weniger breite Schneisen). Einfache Möblierung oder Straßenbäume helfen schon, was ja auch häufig gemacht wird.

Ein wichtiger Unfallfaktor ist unzureichende Sicht im Straßenraum. Die Unfallforschung sagt, dass bei 50 km/h vor Kreuzungen und Querungen 20m frei von parkenden Autos und anderen Sichthindernissen freigehalten werden müssten, heute werden schon die gesetzlichen 5 bzw. 8 m häufig nicht eingehalten. 
Verschärft wird das Problem, wenn hohe SUV am Straßenrand stehen, über die nicht einmal Erwachsene schauen können. Das ist auch für Hauptstraßen mit viel Radverkehr und querenden Fußgängern ein Problem, hier wäre Tempo 30 und ggfs. ein Parkverbot auf einer Straßenseite nötig, damit die fahrenden Fahrzeuge noch ausreichend Sicherheitsabstand von den Parkern einhalten und auf Fuß- und Radverkehr angemessen reagieren können.

Radfahrende und E-Scooter-Nutzende sind auch Gefahrenverursacher, wenn auf Gehwegen gerast oder sehr riskant über Kreuzungen gefahren wird. Aber in den meisten Fällen sind die Radfahrer(innen) als schwächere Verkehrsteilnehmer gegenüber dem Auto eher Opfer als Täter. Allerdings werden Pedelecs in Gewicht und Tempo häufig unterschätzt, sowohl von den Besitzer(inne)n als auch von den anderen Verkehrsteilnehmer(inne)n, hier sind Schulungen und Trainings sicher sinnvoll. 
Für Fahrräder und E-Scooter sind ausreichende geordnete Parkmöglichkeiten vorzusehen, die Fahrzeuge sollten auch durch mehr reflektierende Flächen und Lichter besser sichtbar sein. Für unfallträchtig abgestellte Leih-Scooter und -Räder sind die Verleiher in die Pflicht zu nehmen, die dann die letzten Nutzer zur Kasse bitten können. 

Die Trennung der Verkehrsarten ist eine wichtige Maßnahme zur Verkehrssicherheit, u.a. weil Autos häufig Abstände beim Überholen nicht einhalten, aber Radwege und Radstreifen müssen dann ausreichend breit sein, klar geführt und gut beleuchtet werden und scharfe Verschwenkungen vermeiden, schließlich sind hier sehr unterschiedliche Fahrzeuge unterwegs und müssen sich auch sicher gegenseitig überholen können: normale Fahrräder, Lastenräder, Dreiräder für Mobilitäts-Eingeschränkte, Pedelecs, E-Scooter, auch Rennräder. An Landstraßen fehlen noch viele Radwege, Radfahren auf einer Landstraße mit zugelassenem Tempo 100 geht gar nicht.
Übrigens: Kopfverletzungen kommen im Auto, absolut gesehen, wesentlich häufiger vor als beim Radfahren. Wer eine Helmpflicht für Radfahrer(innen) fordert, müsste das also eigentlich auch für Pkw-Insassen tun. Der VCD empfiehlt das Tragen von Fahrradhelmen, er lehnt aber eine Helmpflicht ab, weil das das Radfahren behindern und ein falsches Sicherheitsgefühl erzeugen könnte. 

Helmpflicht und ein formaler Führerschein für E-Scooter dürften wenig bringen, Schulungen u.a. für Jugendliche wären aber sinnvoll.

Viele Alleinunfälle beim Zufußgehen und Radfahren können verhindert werden, wenn Poller und Absperrketten, Füße von Bauzäunen und temporären Schildern, abgesenkte Bordstein-Abschnitte an Querungen u.a. auffällig gefärbt und mit ausreichend breiten Durchgängen/-fahrten versehen sind. (Dies wird auch in einem Erlass des Landes vom 17.1.2024 gefordert!). In Düsseldorf sind Poller und Ketten meist noch dunkelgrün oder grau, ein großes Sicherheitsrisiko. Die Unfallchirurgie muss viele dadurch Verletzte behandeln, ein wesentlicher Teil davon taucht vermutlich gar nicht in der Verkehrs-Statistik auf.
Ebenso sind schadhafte Oberflächen von Geh- und Radwegen oder alte Schienen in der Fahrbahn Unfallquellen, die zügig zu beseitigen sind.

Alle Regeln wirken nur, wenn sie auch ausreichend überwacht werden, das gilt für Geschwindigkeit wie fürs Parken. Digitale Tools können dabei helfen. Allerdings beobachte ich polizeiliche Tempokontrollen in Düsseldorf nicht selten an breiten Straßen mit wenig Konfliktpotenzial, vermutlich weil dort vorgegebene „Erfolgs“-Ziele leichter zu erreichen sind als an gefährlichen Stellen. Mehr Tempokontrollen wären u.a. in ausgebauten Ortsdurchfahrten in kleineren Orten nötig, dort wird viel gerast, also würden sicher auch viele „Temposünder“ erfasst.

Lkw mit größerem „toten Winkel“ dürfen schlicht nicht für den Straßenverkehr zugelassen sein, die Zuverlässigkeit von Abbiegeassistenten ist allerdings unsicher. Transparente Beifahrertür, Außenvideo, Beifahrer, Fahrten von schweren Lkw nur auf geeigneten Routen, es gibt einige Maßnahmen. Aufklärung über die Gefahren für die potenziellen Opfer, insbesondere Radfahrende, ist leider nötig, aber eigentlich die falsche Ausrichtung.

Mit auffälliger Kleidung und Fahrradhelm kann jede(r) doch selbst einiges zur Unfallvermeidung beitragen. Es ist unverständlich, dass Winter- und Motorradkleidung großenteils schwarz oder dunkel ist. Vielleicht lässt sich zusammen mit der Industrie ein Modetrend zu mehr leuchtenden Farben starten? Das könnte auch Stimmungen aufhellen. Unbegreiflich sind für mich besonders diejenigen, die auf dem Fahrrad in dunkler Kleidung und ohne Licht unterwegs sind, manchmal sogar mit Kindern. Das ist auch für entgegenkommende Radfahrende auf einem schlecht beleuchteten Radweg eine Gefahr.

Ein nicht unwesentlicher Faktor ist wohl, dass Menschen unbegrenzt ohne jede Prüfung ihrer Fahrtauglichkeit Auto fahren dürfen, also z.B. fast blind oder dement oder ohne Kenntnis der Änderungen der Straßenverkehrsregeln der letzten 20 Jahre unterwegs sind. Angesichts der hohen Gefährlichkeit des Pkw sollte das geändert werden, regelmäßige medizinische Checks und Nachschulungen sollten zur Pflicht werden, gerade auch im eigenen Interesse der Betroffenen. (Das trifft sich dann mit der VCD-Forderung nach einem guten ÖPNV als echte Alternative zum eigenen Pkw.)

Alkohol und illegale Rennen sind weitere Unfallursachen. Vielleicht wird das auch durch mediale Vorbilder befeuert: Filme wie „Fast and Furious“ oder unzählige Verfolgungsfahrten in Krimis, Videospiele wie GTA, selbstverständlicher Alkoholkonsum in vielen Filmen,... Es sollte auch Filmhelden geben, die keinen Whisky trinken, sich verkehrssicher verhalten und vielleicht auch ein kleineres Auto fahren ohne dabei lächerlich zu wirken.

Assistenzsysteme können helfen, Unfälle zu vermeiden, z.B. Abbiegeassistenten oder automatische Einhaltung von Tempolimits. Wenn die Behörden „menschliches Versagen“ als wesentliche Unfallursache identifizieren, bedeutet das, konsequent weitergedacht, dass bei entwickelten autonomen Fahrfunktionen menschliches Steuern von autonomen Fahrzeugen untersagt werden müsste.

Iko Tönjes, Landesvorstand und VCD Düsseldorf

Weitere Infos:
NRW-Statistik: https://www.im.nrw/verkehrsunfallbilanz-2025

Thema Parken: https://www.udv.de/udv/presse/parkende-autos-gefaehrden-sicherheit-von-fussgaengern-und-radfahrern-79190
https://www.agfs-nrw.de/service/presse/presse-detail/platz-da-der-agfs-kongress-zur-verkehrssicherheit

Dissertation von Marlene Sattler: https://depositonce.tu-berlin.de/items/0336eeca-3d9a-4086-839f-c4ce8ebc9849

zurück