Köln, Verkehrspolitik
Köln

Leserbrief an den Kölner Stadt-Anzeiger

Einseitige Berichterstattung zur Mobilitätswende verkennt positive Entwicklungen

In den vergangenen Wochen hat die Berichterstattung des Kölner Stadt-Anzeigers zur Mobilitätswende ein deutliches Ungleichgewicht gezeigt. Einzelne Situationen – vom angeblichen „Problem Lastenrad“ über die längst beruhigte Lage am Eigelstein bis hin zur erneut aufgewärmten Diskussion um die Trankgasse – werden skandalisiert, ohne sie in einen sachlichen Kontext zu setzen.

Auffällig ist dabei: Die Berichte stützen sich weitgehend auf anekdotische Eindrücke einzelner Personen, die vor allem negative Aspekte hervorheben. Andere Sichtweisen, positive Erfahrungen oder belegbare Fakten finden kaum Raum. Diese einseitige Gewichtung erzeugt ein verzerrtes Bild – ein klassisches Beispiel für false balancing, bei dem eine laute Einzelmeinung überbetont wird. Wiedererkennungsmerkmale zur Berichterstattung über die Deutzer Freiheit und auch die Venloer Straße sind augenfällig. 

Einordnung statt Skandalisierung

Die Verkehrswende verändert das Mobilitätsverhalten deutlich sichtbar. Alternative Verkehrsmittel, neue Abläufe, andere Verkehrsführungen bringen Anpassungen mit sich. Dazu gehören punktuelle Herausforderungen, aber eben auch erhebliche Verbesserungen. Wer die heutige Situation bewerten möchte, sollte sie mit vergangenen Zuständen vergleichen:

Wie war etwa die Lage am Eigelstein früher, als der Autoverkehr das Quartier dominierte? Welche Belastungen, Gefährdungen und Barrieren entstanden durch dichtes, schnelles und lautes Kfz-Aufkommen? Und warum werden vergleichbare Situationen nicht im selben Tonfall skandalisiert?

Zwei Beispiele zur Illustration: Auf der Nord-Süd-Fahrt fahren Autos regelmäßig 50 km/h und mehr, obwohl zahlreiche Querungen – etwa zum Offenbachplatz – bestehen. Wird erwartet, dass die Autos halten, wenn ein Fußgänger quert? Es ist gesellschaftlich als „normal“ akzeptiert und kein Skandal, dass Autos hier auf ihrem Recht bestehen. In der Altstadt rund um das Wallraff-Richarz Museum weichen viele Zufußgehende auf die Straße aus, die Autofahrenden fahren einfach weiter und gefährden oftmals die schwächeren Verkehrsteilnehmer:innen. Wo ist die Skandalisierung? Wo ist der Bericht? Wenn Radfahrende ihr Recht auf den Radweg einfordern, wird dies hingegen häufig als rücksichtslos dargestellt. Diese Ungleichheit in der Wahrnehmung ist nicht zufällig, sondern Ergebnis jahrzehntelanger Fixierung auf das Auto als vermeintliche „Normalität“.

Die Vorteile der Mobilitätswende werden übersehen

Während einzelne Konflikte groß thematisiert werden, bleiben die positiven Wirkungen der Mobilitätswende weitgehend unerwähnt:

  • Lastenräder ersetzen Autofahrten: Studien zeigen deutlich, wie alltagstauglich und effizient Lastenrädergerade in dicht besiedelten Stadtteilen sind. Jede Fahrt, die nicht per Auto erfolgt, entlastet Straßen, senkt Emissionen und verbessert die Lebensqualität.

  • Sicherheitslage am Eigelstein: Die dortige Situation ist seit Monaten unauffällig. Konflikte zwischen Rad- und Fußverkehr sind selten und verlaufen – anders als im Autoverkehr – in der Regel glimpflich. Dass die Kommunikation zwischen Radfahrenden und Zufußgehenden direkter und damit lauter ist, bedeutet nicht, dass sie gefährlicher wäre.

  • Entlastung des Domumfelds: Die neue Verkehrsführung an der Trankgasse hat zu deutlich mehr Ruhe und Aufenthaltsqualität geführt. Besucherinnen und Besucher können den Bereich rund um den Dom sicherer und stressfreier nutzen. Die Umgebung nähert sich einem Umfeld an, das für ein Weltkulturerbe angemessen ist. 

Lösungen statt Rückgriff auf alte Probleme

Die Herausforderungen, die in Einzelfällen bestehen, sind lösbar. Kleine, wirkungsvolle Maßnahmen können bereits viel bewirken: Im Bereich der Trankgasse könnte eine Schließung der maroden Domgarage sinnvoll sein, um das Domumfeld weiter zu entlasten. Die Philharmonie könnte ihr Publikum noch gezielter auf klimafreundliche Anreisemöglichkeiten hinweisen. Am Eigelstein würden klare, gut sichtbare Hinweise – auch baulicher Art – helfen, Regeln verständlicher zu machen und Konflikte weiter zu reduzieren.

Die Mobilitätswende bietet enorme Chancen: mehr Sicherheit, mehr Lebensqualität, weniger Lärm, sauberere Luft, mehr Bewegungsfreiheit und eine gerechtere Aufteilung des öffentlichen Raums. Statt die Rückkehr zu alten, nachweislich problematischen Zuständen zu fordern, sollten wir gemeinsam konstruktive Lösungen finden, die den Fortschritt stärken.

Michael Vehoff (VCD Regionalverband Köln)
 

zurück