Hochsauerland
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Extreme Fahrpreiserhöhungen ab April 2027

Der "Westfalentarif" gilt für den ÖPNV in 19 Kreisen und kreisfreien Städten in Westfalen. In knapp einem Jahr soll ein neues Tarifsystem eingeführt werden, das jetzt in den Gremien vorgestellt wurde. Offizielles Ziel soll es sein, die Zahl der Tarifstufen und damit den Tarif zu vereinfachen. 
Vorweg: Die Planungen sind völlig misslungen.

Dazu einige Erläuterungen:
• Der vorgesehene neue Westfalentarif würde zur Folge haben, dass im HSK der Minimalpreis für eine Stadtfahrt von 2,50 Euro auf 3,50 Euro plus der bereits angekündigten weiteren allgemeinen Preiserhöhung steigen würde, also voraussichtlich auf 3,70 Euro. Dies würde eine Anhebung um 48% (!!) bedeuten, z.B. für eine einzelne Fahrt von Meschede Bahnhof zum Kreishaus oder von Arnsberg Schreppenberg nach Arnsberg Neumarkt oder von Neheim-Moosfelde nach Neheim Markt, mit Rückfahrt das Doppelte. Für denselben Preis kann man zwar künftig auch von Oeventrop nach Bachum fahren, aber derartige lange Fahrten innerhalb der Stadtgrenzen finden im Vergleich zu kürzeren Stadtfahrten nur sehr selten statt. Stadtfahrten über 1,5 bis 4 km haben einen sehr hohen Anteil an allen Fahrten.
• Der Fahrpreis für eine Fahrt von Oeventrop Kirchstraße nach Freienohl Hauptstraße – also über nur 3,4 km zwischen den Zentren zweier benachbarter Ortsteile – würde von 4,10 Euro auf 6,50 Euro plus allgemeiner Tariferhöhung steigen, also voraussichtlich um 2,80 Euro bzw. 68 % (!!) auf 6,90 Euro. Zwischen den beiden Orten liegt zwar eine Stadtgrenze, aber auch dies ist eine viel genutzte und sehr kurze Relation.
• Derartige Preiserhöhungen für oft gefahrene Strecken sind völlig inakzeptabel und werden nicht durch Preissenkungen für andere kaum benötigte Verbindungen aufgewogen. Eine angebliche Vereinfachung darf nicht zu so ungerechten Ergebnissen führen.
• Es fehlen ein Kurzstreckentarif und eine Obergrenze für die beim neuen Tarif eintretenden prozentualen Erhöhungen.
• Besonders ungerecht ist, dass für dieselben Tarifstufen innerhalb des Verbandsgebietes unterschiedliche Varianten gelten. So gibt es für die Tarifstufe A innerhalb eines Stadtgebietes mehrere Varianten (A1 bis A4, plus die 4 Varianten in großen Städten), zwischen 2,70 und 3,50 Euro. In die teuerste Variante A4 werden nur 2 von 19 Kreisen des Tarifgebiets eingeordnet, und zwar nur die Kreise Unna und HSK! Im Nachbarkreis Soest soll dagegen die Variante A2 gelten. Dies bedeutet, dass man für eine Fahrt innerhalb von Meschede über 20 % mehr (3,50 Euro statt 2,90 Euro) zahlen soll als für eine Fahrt innerhalb von Soest (wie auch in allen anderen Kommunen der beiden Kreise). Ähnlich sieht es bei der Stufe B für Fahrten zwischen benachbarten Kommunen aus: Nach Variante B1 (z.B. im Kreis Soest) kostet dies nur 4,70 Euro, nach Variante B3 (wiederum in den Kreisen Unna und HSK) 6,50 Euro, also 38% mehr (auf alle hier genannten Preise kommt noch die allgemeine Tariferhöhung oben drauf). Auch hier wird nur 2 von 19 Kreisen die teuerste Variante zugeordnet.
• Völlig absurd sind auch die Übergänge in benachbarte Kreise bzw. Tarifräume. Z.B. gilt für den Kreis Höxter B1 (nach Lippe), B2 (nach Paderborn) und B3 (in den NVV), also von 4,70 bis 6,50 Euro fürs Einzelticket in benachbarte Kommunen. Auch für den Märkischen Kreis sollen alle 3 Varianten gelten. Das zeigt auch, dass es sich eben  nicht um ein einheitliches und einfaches Tarifsystem handeln wird...
• Diese extremen Unterschiede sind nicht begründbar: Ein einheitlicher Tarifraum erfordert einheitliche Preise in allen Kreisen!
• Der vom beauftragten Büro und von den Verwaltungen als Alternative herausgestellte digitale Entfernungstarif „eezy“ ist für einen ganz großen Teil der Fahrgäste keine realistische Alternative, sondern nur eine Alibi-Argumentation. Denn er setzt außer einem funktionsfähigen Handy mit der entsprechenden App eine Anmeldung voraus, mit der Eingabe von Zahlungsdaten. Damit scheidet er bereits z.B. für Geflüchtete (mit Bezahlkarte) und für Kinder und Jugendliche aus. Außerdem setzt seine Anwendung voraus, dass man sich beim Einsteigen in der App eincheckt und beim Aussteigen sofort auscheckt. Das ist für viele Nutzerinnen und Nutzer (insbesondere für digital weniger Erfahrene und für Fahrgäste mit Gepäck) nicht realisierbar. Das beauftragte Büro, das das neue Tarifsystem entwickelt hat, geht in seiner eigenen Prognose für ein Jahr nach Start der Tarifreform (also nach weiteren entsprechenden Werbemaßnahmen!) von einem eezy-Anteil von nur 3% der Fahrgäste aus (s. Vortrag beim Zweckverband NWL am 09.03.2026, S.19). Dies belegt, dass der eezy-Tarif für seine wenigen Nutzer*innen zwar attraktiv ist, aber nicht seriös zu Vergleichszwecken auf breiter Basis herangezogen werden kann.

Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die beiden Anlagen zur Sitzungsvorlage 13/2026 im NWL
gremien.nwl-info.de/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZZn4TmnCz6kNvdh3oUwqBLsozBaFuone_YLqmMbZE7Wo/Anlage_3_P-C-Kurzpra--sentation_Tarifreform.pdf (vor allem S. 14 und S. 19)
gremien.nwl-info.de/sdnetrim/UGhVM0hpd2NXNFdFcExjZfEc8nBrevt0aYEwVvr5pTw1IX1oPGpBsfvNV8tYYbD4/Anlage_2_Preisstufenzuordnung_im_WestfalenTarif.pdf

Vereinfachungen sind also nicht immer ein Vorteil, wenn dadurch für einen wesentlich Teil der Fahrgäste extreme Verteuerungen entstehen.

Im zuständigen Fachausschuss des HSK wurden 3 Anträge mit Forderungen an den neuen Westefalentarif gestellt:
- Einheitliche Preisstufen für alle 19 Kreise in Westfalen
- Maximale Erhöhung 20 % je Fahrt
- Einführung eines Kurzstreckentarifs.
Doch leider wurden sie von CDU und SPD - und damit von der Mehrheit - abgelehnt. Auch im Kreistag fiel das Ergebnis nicht besser aus.

Aber etwas Zeit bleibt ja noch bis April 2027, in der vielleicht bei einigen noch die Einsicht wachsen könnte, dass der geplante neue Westfalentarif ungerecht und unsozial ist!

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