Bochum-Gelsenkirchen-Herne
KV Bochum/Gelsenkirchen/Herne
Besser als sein Ruf scheint nach gut anderthalb Monaten der Verkehrsversuch in Bochum-Linden zu verlaufen.
An einem Mittwochnachmittag und am frühen Donnerstagmorgen (17. und 18. Juni) fällt zunächst auf, dass in diesem Stadtteilzentrum der Straßenverkehr ungewöhnlich langsam und leise verläuft.
Zwischen Hasenwinkeler Straße und Dr.-C.-Otto-Straße darf auf der Hattinger Straße seit Ende April nur noch Tempo 20 gefahren werden und fast alle scheinen sich daran zu halten.
Vorausfahrende Straßenbahnen, die hier langsamer fahren als sonst in Bochum, bestimmen das Tempo für Nachfolgende. Aber auch ohne die Bahn vorweg fahren fast alle Autofahrer langsam. An der Leuchttafel mit lächelndem oder grimmigem Smiley werden zwar immer wieder mehr als 20 Stundenkilometer gemessen. Aber wer sieht, dass er/sie 24, 26 oder 28 km/h fährt, bremst sofort ab.
Auch der parkende Verkehr hält sich bis auf Ausnahmen an die gelb markierten, leicht versetzten Parkbuchten und lässt damit Raum für die Fahrräder, die zwischen Straßenbahnschienen und Parkbuchten nur wenig Platz haben.
Tatsächlich fahren fast alle Radfahrerden auf der Fahrbahn. Nur eine BMX-Fahrerin überholt die langsame PKW-Kolonne illegal über den Fußweg. Und ein Pedelec-Fahrer mit plärrendem Lenker-Radio macht einen „gemütlichen“ rollenden Schaufensterbummel über den Gehweg – Hauptsache: ich!
Die Fußgänger in dem Bereich nutzen ganz selbstverständlich den rot gepflasterten, viel zu schmalen ehemaligen Radweg auf dem Bürgersteig. Die einen bummeln, andere sitzen vor einem der vielen Cafés oder auf den öffentlichen Bänken. Zu den fest-installierten Bänken (z.B. vor Seniorenbüro, Sparkasse oder kath. Kirche) sind eine Gartenbank zwischen großen Pflanzkübeln oder auf einem „Park-let“ zusätzliche Sitzmöglichkeiten hinzu gekommen. Und sie werden bei schönem Wetter von jungen und älteren Menschen gerne genutzt.
Ungünstig und ohne Blick auf die Bedürfnisse der schwächsten Verkehrsteilnehmer:innen ist vor Hattinger Straße 776 als Baustellenbereich nicht nur der Fußweg, sondern auch der ehemalige Parkstreifen gesperrt worden. Für die Sanierung des Wohnhauses hätte auch sicher noch ein schmaler Behelfs-Gehweg auf den Parkstreifen gepasst. Aktuell ist – innerhalb des Versuchsgebiets - der Durchgang komplett versperrt und zu-Fuß-Gehende werden an der Ampel auf die gegenüberliegende Straßenseite und wenig später wieder zurückgeschickt.
Schnell zu Fuß unterwegs sein sollte, wer südlich der Straßenbahnhaltestelle Linden-Mitte an der Ampel vor der Dr.-C.-Otto-Straße die Straßenseite wechseln will: nach 70 Sekunden Rot haben die Fußgänger ganze 7 Sekunden Grün zum Queren! An der Ampel nördlich dieser Haltestelle sind es immerhin üppige 10 Sekunden, die Grün gewährt werden. Die Fußgängerförderung kann also gerne noch nachgebessert werden.
Zu Recht wird kritisiert, dass die jetzt auch von Radfahrenden zu nutzende Fahrbahn zwischen Straßenbahngleis und versetztem Parkstreifen zu schmal ist. Die Gefahr, in die Straßenbahnschienen zu geraten und fast unweigerlich zu stürzen, besteht immer. Ob aber die vorherige Führung der Radler:innen auf dem Bürgersteig zwischen Flanierenden und Grundstückseinfahrten nicht noch gefährlicher war, ist Ansichtssache.
Nach dem Unfallatlas Deutschland war im Jahr 2024 allerdings nicht das Versuchsgebiet, sondern der südlicher gelegene Bereich zwischen D.-C.-Otto-Straße und Kesterkamp der für Radfahrende kritische (3 Unfälle, 1 Schwerverletzter). Es stellt sich die Frage, ob nicht mindestens bis zum Kesterkamp auch Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden sollten.
In dem Versuchsgebiet ist die beruhigte Gesamtverkehrssituation in jedem Fall ein Gewinn für alle.
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