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Kempen soll noch fahrradfreundlicher werden …

Unter reger Bürgerbeteiligung entsteht aktuell ein neues Radverkehrskonzept für Kempen. Bereits zu Beginn des Jahres waren die Bürger aufgerufen worden, Anregungen für Verbesserungen im Radverkehrsnetz zu geben, hierzu stand eine interaktive Karte online zur Verfügung. Am 11. März fand ein Bürgerdialog („Radcafé“) statt, später eine Planungs-Radtour.

Projektbegleitend tagte ein Arbeitskreis aus Vertretern von Politik, Verwaltung, Polizei sowie interessierten Verbänden/Institutionen, dazu zählten die Stadt-Schulpflegschaft, der ADFC (Ortsverband Krefeld, in Kempen gibt es keinen OV) und eben auch der VCD. Allerdings konnten wir vom VCD aus Kapazitätsgründen erst im Laufe des Sommers voll in das Thema einsteigen.

Inzwischen haben die Planungsbüros (Planersocietät aus Dortmund und VIA aus Köln) ihre Hauptarbeit geleistet, die Ergebnisse wurden am 10. Juli dem besagten Arbeitskreises vorgestellt, am 2. September hatten alle interessierten Bürger Gelegenheit, diese in einem weiteren Bürgerdialog/Radcafé zu diskutieren.

Ausgangspunkt ist ein Radverkehrsanteil von 35% in Kempen – bereits jetzt ein so hoch wie in Deutschlands „Fahrradhauptstadt“ Münster – und das Ziel, diesen auf 45% zu steigern. Analysiert wurden insbesondere die vorhandenen Anlagen und deren Benutzung, die eingegangenen Anregungen, Vorschläge und Hinweise sowie die Unfallzahlen der letzten 5 Jahre. Ein Nachteil der Kempener Radverkehrsanlagen ist tatsächlich, dass sich die Stadt schon recht lange um Fahrradfreundlichkeit bemüht; deshalb gibt es einige Anlagen, die seinerzeit modern gewesen sein mögen, die man aber heute so nicht mehr bauen würde.

Wie sieht das Konzept nun aus?

Während Kempen gegenwärtig aus einer Fußgängerzone (Radfahrer frei) in der Innenstadt und ansonsten einer großen MIV-Zone besteht, sollen künftig die Bereiche geschlossener Bebauung in Kempen, St. Hubert und Tönisberg zu Radfahrerzonen umgestaltet werden.

Im künftigen Radverkehrsnetz wird unterschieden zwischen einem „gelben“ Netz –entlang der Hauptverkehrsstraßen, gedacht für den schnellen Alltagsradler – und einem "grünen" Netz – wenig dem Autoverkehr ausgesetzt in Grünstreifen etc., die miteinander durch Fahrradstraßen verknüpft werden sollen. Auf den Haupteinfallstraßen werden – stadteinwärts betrachtet – zwei wichtige Punkte definiert:

1. Etwa dort, wo direkt an diesen Straßen anliegend geschlossene Wohnbebauung beginnt, wird von der außerorts typischen einseitigen Führung (in Nebenanlagen oder auf dem Bürgersteig) zu einer zweiseitigen Führung gewechselt, da das einseitige Führen in Verbindung mit häufigen Straßeneinmündungen und Grundstückseinfahrten zu erheblichen Unfallrisiken mit dem Kfz-Verkehr führt und die Fußgänger dabei obendrein an den Rand gedrängt werden.

2. Dort, wo auch diese zweiseitige Führung in Seitenlage dem starken und schnellen Radverkehr nicht mehr angemessen ist, wird auf die Fahrbahn in Mischverkehr mit dem MIV gewechselt. Ab diesem Punkt gilt Tempo 30 auf der Fahrbahn. Das grüne Netz besteht aus den vielfach bereits existierenden Wegen in Grünstreifen (wie z.B. dem Brahmsweg auf der ehemaligen Bahntrasse vom Bahnhof Kempen Richtung Grefrath), ergänzt durch einige, z.T. auch längere Fahrradstraßen in Nebenstraßen – bislang gibt es davon erst einige wenige im Bereich der Schulen. Bei Kreuzungen des grünen Netzes mit Hauptverkehrsstraßen sollen die Fahrradstraßen und -wege gegenüber den Hauptverkehrsstraßen bevorrechtigt werden und diesem Zweck entsprechend deutlich markiert werden.

Eine Besonderheit stellt der Altstadtring dar – derzeit zwei Kfz-Spuren in Einbahnregelung plus schmale Fuß- und Radwege in der Grünanlage, die sich wegen des Baumbestandes kaum verbreitern lassen. Es war angeregt worden, eine der beiden Kfz-Spuren für einen abgetrennten schnellen Zweirichtungs-Radweg zu opfern, dies hatte aber dem Vernehmen nach im Arbeitskreis massiven Widerstand hervorgerufen. Daher war diese Idee beim letzten AK nur ganz beiläufig erwähnt worden, verbunden mit dem Hinweis auf eine notwendige Machbarkeitsstudie. Ersatzweise war lediglich eine punktuelle Einstreifigkeit angedacht, um an den Verknüpfungsstellen mit dem grünen Netz Querungen des Ringes zu vereinfachen.

Überraschenderweise durfte der radikalere Vorschlag (kompletter Entfall einer Kfz-Spur) dann aber beim Bürgerdialog vorgestellt werden – und rief bei den anwesenden, überwiegend radverkehrs-interessierten Bürgern ein äußerst positives Echo hervor. Ein solches Vorhaben wäre zwar mit erheblichen Kosten verbunden, da alle Kreuzungen umgebaut werden müssten, hätte aber das Potenzial zum „Leuchtturm-Projekt“ und Aushängeschild des neuen Kempener Radverkehrskonzeptes – Zitat einer Anwesenden: „Damit kann sich Kempen sofort um den Deutschen Fahrradpreis bewerben!“

Weitere Punkte, die im Rahmen des Konzeptes betrachtet und vorgestellt wurden, in Stichworten:

  • • Radfahren in den Fußgängerzonen (soll weiterhin erlaubt sein, die Kempener Radfahrer verhalten sich hier überwiegend sehr diszipliniert, deshalb halten sich Konflikte mit den Fußgängern in Grenzen, und die Unfallzahlen sind sehr niedrig);

  • • Einbindung der geplanten Radschnellverbindung Venlo – Kempen – Krefeld (diese war selber nicht Gegenstand des Planungs-Auftrages), Highlight ist hier eine Brücke über den südlichen Kempener Außenring;

  • • allgemeine Hinweise zur sicheren Gestaltung von Kreisverkehren;

  • • Vorschläge zum Fahrradparken in der Innenstadt sowie zum Bike+Ride am Bahnhof und an Bushaltestellen;

  • • Öffentlichkeitsarbeit.

Gegenwärtig wird das Gesamtpaket durch die Planungsbüros in ein Bündel von Einzelmaßnahmen zerlegt, diese werden in Form eines Maßnahmenkatasters jeweils mit Kostenschätzung und Priorisierung dargestellt. Die Beschlussfassung zum Radverkehrskonzept ist in einer Sondersitzung des zuständigen Ausschusses (Umwelt, Planung, Klimaschutz) im Oktober vorgesehen. Man darf gespannt sein, ob das Konzept im vollen Umfang beschlossen wird oder ob es vorab durch Politik und Verwaltung verwässert wird.

 

 

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